Der Tumor wächst

Über die Folgen unkontrollierten Wachstums



7. Leseprobe
aus: "Entschleunigung: Abschied vom Turbokapitalismus":


Aus der Chronobiologie wissen wir, dass Organismen durch Kreislaufprozesse am Leben erhalten werden, welche Auf- und Abbauvorgänge in ein Gleichgewicht bringen. Die vom Hamsterrad der modernen Industriegesellschaft in unserer Innen- und Umwelt erzeugten Erschöpfungsprozesse unterbrechen diese Kreisläufe künstlich und zerstören die Gleichgewichte auf Dauer. An die Stelle zyklischer Verläufe treten lineare Abbauprozesse. Dafür gibt es viele Belege. Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass mit zunehmendem Alter die Rhythmen des Körpers schwächer werden und durcheinander kommen: der Wechsel von Wachsein und Schlafen, von Anspannung und Entspannung, von Gesundheit und Krankheit. Da sind zum Beispiel Herzzellen, die kurz vor dem Herztod aus dem Tritt geraten. Und da sind vor allem die Krebszellen. Sie unterscheiden sich von gesunden Zellen dadurch, daß sie ihre Fähigkeit zur rhythmischen Teilung verloren haben, aus der Zeitordnung der gesunden Zellen ausgebrochen sind und sich, losgeslöst von ihrer jeweiligen Umgebung im Körper, mit einer vielfach höheren Geschwindigkeit zu teilen beginnen.[1]

Rolf Kreibich, Professor für Technologieentwicklung in Berlin, hat auf die verblüffende Analogie zwischen dem Wachstum eines bösartigen Tumors und dem Wachstum der Industriekultur aufmerksam gemacht: Beide Prozesse gehen auf eine irgendwann stattgefundene einzelne Mutation zurück, beide beschleunigen sich nach dem Muster 2 – 4 – 16 – 156 usw. und haben explosive Tendenzen, beide resultieren aus fehlgesteuertem Wachstum, aus falschen Rückkoppelungsprozessen. In beiden Fällen haben die wachsenden "Subjekte" das Ziel des Wachsens aus den Augen verloren. Beide wuchern auf Kosten ihrer Umwelt. Ihr einziger Zweck ist der maximale Energieumsatz, die Völlerei. Und beide Entwicklungen führen zu einer umfassenden Destrukturierung, die – wenn nichts dagegen unternommen wird – mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tod führt.[2]

Vielleicht läßt sich diese Analogie für das Schicksal der menschlichen Spezies noch fortsetzen: Das Bevölkerungswachstum des Südens und das Produktionswachstum des Nordens wird nicht mehr gesteuert durch einen kulturell bewährten Rhythmus, sondern vollzieht sich autonom. Es ist aus der Zeitordnung der jeweiligen natürlichen und kulturellen Umwelt ausgebrochen. Dies zeigt sich an unserer Siedlungsweise und an unserem Verkehr besonders drastisch. Schauen wir uns nur einmal eine gewachsene Ortschaft aus der Vogelperspektive an: Im Zentrum und im mittleren Bereich organisch verbundene Häuser und Straßen, an den Rändern, in den sogenannten Gewerbegebieten, wuchernde Fremdkörper, allesamt aus den letzten Jahrzehnten stammend, so als würden sie darauf warten, gleich wieder weggeschnitten zu werden. In der Tat gibt es erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen der Abbildung eines weit fortgeschrittenen Hautkrebses und der Luftaufnahmen einer modernen Großstadt. Oder schauen wir uns den Globus aus dem Weltraum an: die gigantische Mobilität, die Entwurzelung und Bindungslosigkeit – im Norden als Massenverkehr, im Süden als Massenmigration.

Die "Spitze" der menschlichen Kulturentwicklung im Norden der Welt beweist eindrucksvoll, dass der Mensch heute je nach Zwecksetzung fast beliebig Raum und Zeit überwinden kann. Menschen, Sachen und Informationen legen in immer kürzeren Zeiten immer weitere Strecken zurück, entfernen sich aus jenem Milieu, mit dem Natur und Kultur sie umgeben haben. Das selbe tun Krebszellen, die den Körper mit Metastasen überschwemmen. Je ausgeprägter die Beschleunigung, desto eher ist es mit dem Leben zu Ende. Für den französischen Zeitphilosophen Paul Virilio läuft die Beschleunigung auf nichts anderes hinaus als auf die "Liquidierung der Welt".[3] Das alles geschieht freilich nur, wenn es nicht gelingt, den hinter der Mutation steckenden Programmierungsfehler zu finden und zu beheben.

[1]: Mletzko Horst G. / Mletzko Ingrid (1991), Die Zeit und der Mensch, Leipzig-Jena-Berlin, S. 76.

[2]: Kreibich Rolf (1991), Zukunft als gestaltbare Zeitdimension, in: Burmeister Klaus / Canzler Weert / Kreibich Rolf (Hg.), Netzwerke. Vernetzung und Zukunftsgestaltung, Weinheim, S. 23-42, hier S. 23f.

[3]: Virilio Paul, zit. nach Breuer Stefan (1992), Die Gesellschaft des Verschwindens. Von der Selbstzerstörung der technischen Zivilisation, Hamburg, S. 132.





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