Was wir tun und lassen könnten

Anregungen für ein persönliches Entschleunigungsprogramm



13. Leseprobe
aus: "Entschleunigung: Abschied vom Turbokapitalismus":


Jede Veränderung muss beim Einzelnen beginnen, darf aber nicht bei ihm stehen bleiben. Ratgeber für das individuelle Selbstmanagement empfehlen ihren Klienten gern ein Zwei-Listen-Konzept: Was ist mir wichtig? Und: Worauf verwende ich meine Zeit? Aus der Diskrepanz sollen die Klienten dann ihre Verhaltenskorrekturen ableiten. Wenn es jedoch auf die Verbindung zwischen einer individuellen und einer kollektiven Strategie ankommt, dann wäre ein Drei-Listen-Konzept nötig: Was ist mir wichtig? Worauf verwende ich meine Zeit?[1] Und wann versuche ich mit anderen zusammen, Bedingungen herbeizuführen, die die Diskrepanz zwischen der ersten und der zweiten Liste verringern helfen? Grundvoraussetzung für ein solches integriertes Entschleunigungsprogramm ist, dass wir in unserem Tagesgeschäft einmal innehalten, uns eine kleine Zeitinsel reservieren: einen Abend, einen Feiertag, ein Wochenende – für nichts anderes als dafür, uns unsere Erfahrungen im Umgang mit Zeit bewusst werden zu lassen.

Eine solche Reflexion als erster Schritt eines persönlichen Entschleunigungsprogramms richtet sich zunächst auf das Hier und Jetzt: In welchen Situationen wird mir die Zeit zu knapp, spüre ich also Zeitdruck? Aber auch: Wann wird mir die Zeit zu lang, spüre ich Langeweile? Und wann bin ich ganz bei mir und ganz in der Zeit, so dass die Zeit wie im Fluge vergeht? Eine solche Reflexion könnte sodann auf Vergangenheit und Zukunft ausgreifen: Welche Vorgeschichte und welche äußeren Bedingungen führen immer wieder zu jenen Situationen, in denen ich Zeit als etwas Lästiges oder gar Schmerzliches erfahre? Und: Welche Erwartungen habe ich an meinen zukünftigen Umgang mit Zeit und inwiefern müssten dafür in der Zukunft die Weichen anders gestellt und die Bedingungen anders gestaltet werden? Eine solche Bestandsaufnahme ruft vermutlich eine ungeordnete Vielfalt von Aspekten der persönlichen Zeitpraxis ins Bewusstsein: die Ernährung, den Umgang mit der Gesundheit, zeitliche Gewohnheiten im Familienleben und am Arbeitsplatz, die Pflege von Beziehungen zu Freunden und Bekannten usw.

Im Anschluss an eine solche Bestandsaufnahme wäre es in einem zweiten Schritt sinnvoll, einen persönlichen Schwerpunkt zu setzen. In welchen Situationen besteht in Bezug auf den Umgang mit Zeit für mich die größte Diskrepanz zwischen dem, was mir eigentlich guttut, und dem, was ich tatsächlich mache? In welchem Bereich also ist mein Veränderungsbedarf am größten? Welche Spielräume habe ich, in diesem Bereich mein bisheriges Verhalten zu verändern? Welche äußeren Bedingungen beherrschen diesen Bereich bisher und müssen in Zukunft neu gestaltet werden? Bei der Festlegung des persönlichen Schwerpunkts der Entschleunigung sollten also sowohl die persönlichen Bedürfnisse als auch die persönlichen Spielräume berücksichtigt werden. Vermutlich sind die Entschleunigunsgbedürfnisse bei der Mehrzahl der Menschen am Arbeitsplatz am größten, also dummerweise dort, wo sie nicht Herr ihrer Zeit sind.

Nach der Schwerpunktbildung sollten wir uns in einem dritten Schritt auf die Suche nach jenen Kräften begeben, die eine Veränderung herbeiführen können. Diese Kräfte, die sowohl in uns selbst wie in unserer Umwelt schlummern, müssen aufgeweckt, gestärkt und organisiert werden. Dies geschieht allein schon dadurch, dass wir uns bewusst machen, was wir selbst in der Vergangenheit bei ähnlichen Veränderungsvorsätzen bereits erreicht haben. Es gibt kaum jemanden, der nicht schon an sich selbst erfahren hat, dass Fantasie, Experimentierfreude und Beharrlichkeit ungeahnte Erfolgserlebnisse nach sich ziehen. Kräfte der Veränderung werden auch durch die Erfahrung mobilisiert, dass es anderen genausso geht wie einem selbst und dass es offenbar nur unterschiedliche Formen der Verarbeitung von Zeitmangel gibt. Je stärker bei der Schwerpunktbildung Bereiche festgelegt wurden, in denen eine veränderte Zeitpraxis an veränderte äußere Bedingungen gebunden ist, desto wichtiger wird es in diesem dritten Schritt Leidensgenossen zu finden. Vor allem am Arbeitsplatz wird es darum gehen, mit ihnen zusammen dafür zu sorgen, dass die zeitlichen Bedürfnisse der Arbeitnehmer Berücksichtigung finden: etwa bei der Gestaltung von Dienstplänen mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Familie, bei der Einrichtung telefonfreier Zeiten mit Rücksicht auf das Bedürfnis nach störungsfreien Arbeitsphasen, bei der Ermöglichung des Mittagsschlafs am Arbeitsplatz mit Rücksicht auf den Biorhythmus, bei der Bereitstellung von Stehpulten mit Rücksicht auf die Eigenzeiten der Wirbelsäule etc. Wir müssen uns zusammentun und die zeitlichen Nöte des Alltags einmal grundsätzlich zum Thema machen – das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Opfer des Hamsterrads einen gemeinsamen Gegner haben, den sie auch nur gemeinsam bezwingen können.

Es gibt also viel zu tun. Woher aber die Zeit und die Energie für all das nehmen? Wir könnten vieles von dem sein lassen, was wir bisher denken und tun. Wir können von einigen in unserem Alltag fest verankerten Gewohnheiten Abstand nehmen. Wir könnten probieren, wie es wäre, wenn wir den Feierabend einmal nicht vor dem Fernseher verbrächten, wenn wir am Wochenende einmal nicht von einem Event zum nächsten hetzten, wenn wir zum Zweck der Erholung einmal nicht mit dem Flugzeug den Kontinent wechselten. Wir könnten probieren, wie es wäre, wenn wir im Umgang mit unseren Arbeitskollegen, Partnern und Kindern eingetretene Bahnen einmal verließen, wenn wir unsere Kollegen einmal nicht unter Leistungs- und Konkurrenzdruck setzten, wenn wir Sex einmal nicht nach dem Stundenplan machten, wenn wir unsere Kinder einmal nicht zur Nachahmung der Erwachsenen erzögen. Und wir könnten ggf. einmal probieren, wie es wäre, wenn wir einen Teil der Lebenszeit, die wir bisher für Arbeit und Konsum verwenden, einfach Eigenzeit sein ließen. Kurz: Wir könnten die herrschenden Konventionen und Standards probehalber einmal sein lassen, was sie sind – ungeschriebene Gesetze, zu deren Einhaltung niemand verpflichtet ist, zu deren Einhaltung die meisten sich nur ohne Not verführen lassen. Dazu müssen wir freilich, wie bei allen Therapien, insbesondere von Suchterkrankungen, die Angst überwinden, zwischenzeitlich auch einmal die sichere Orientierung zu verlieren. Wenn uns dies gelingt, könnten wir unser Leben von überflüssigem Ballast befreien, es gewissermaßen vereinfachen. Lassen statt tun, das wäre eine reizvolle Alternative – und schauen, was geschieht.

[1]: Sprenger Reinhard K. (2000), Die Entscheidung liegt bei Dir! Wege aus der alltäglichen Unzufriedenheit, Frankfurt/Main – New York, S. 56 f.





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